2019-09-22
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Großbritanniens Energieversorgung: Wohin führt der Weg?

Die Erneuerbaren werden immer günstiger, die Strompreise fallen. Trotzdem hält die Regierung in London auch weiterhin am Bau des umstrittenen Atomkraftwerks Hinkley Point C fest, obwohl die Kosten horrend sind. Das erinnert an ein deutsches Beispiel...

AKW Hinkley Point, Anlagen A + B. (Foto: Richard Baker, Creative Commons 2.0)AKW Hinkley Point, Anlagen A + B. (Foto: Richard Baker, Creative Commons 2.0)

Die neuesten von der britischen Regierung veröffentlichten Zahlen sehen eigentlich hervorragend aus: Die erneuerbaren Energien haben in Großbritannien im letzten Jahr einen Rekordanteil von knapp 25 Prozent im Energiemix ausgemacht. Das ist eine Steigerung von 28,8 Prozent gegenüber 2014 und das in Zeiten, wo die Stromproduktion insgesamt rückläufig ist. Vor allem Onshore-Wind und Solar (+86 Prozent gegenüber 2014) können auf hervorragende Ausbauzahlen zurückblicken.

Trotzdem hat das Energieministerium unter Ministerin Amber Rudd hier in den vergangenen Monaten kräftig den Rotstift angesetzt. In Zukunft fallen staatliche Fördermittel für Onshore-Wind und Solarpanels weg. Stattdessen will sich die Regierung mehr auf den Ausbau von Offshore-Wind konzentrieren – und auf den Bau des Atomkraftwerks Hinkley Point C.

Dabei macht eine neue Studie, die kürzlich vom Thinktank The Intergenerational Foundation veröffentlicht wurde, einmal mehr deutlich, welch wirtschaftlicher Unsinn das Projekt ist: Die Regierung hat dem Betreiber des AKW einen festen Strompreis von 92,50 Pfund für die Laufzeit von 35 Jahren zugesichert, mehr als das doppelte des aktuellen Großhandelspreises. Davon abgesehen, dass Preisvorhersagen für einen so langen Zeitraum ohnehin unseriös genug sind, belegt die Studie laut Guardian nun auch noch mit konkreten Zahlen, dass es sinnvoller wäre, stattdessen weitere Windkraftanlagen oder Solarpanels mit der gleichen Megawattzahl zu installieren, um eine Ersparnis von mehreren Milliarden Pfund zu generieren. So würde der Bau und Betrieb von Onshore-Windkraftanlagen in der gleichen Periode 31,2 Milliarden Pfund weniger kosten als Hinkley Pint C. Bei einer Investition in Solarpanels mit dem gleichen Output an Strom wäre die Ersparnis mit 39,9 Milliarden Pfund sogar noch größer. Hinzu kommt, dass der Installationspreis bei Erneuerbaren weiter sinken wird, da mit vielen weiteren technischen Neuerungen zu rechnen ist.

Andrew Simms, einer der Co-Autoren der Studie, sagte dazu dem Guardian: „Die aktuellen Pläne der Regierung für den Bau des Atomkraftwerks werden alle Preisrekorde sprengen und sowohl die hohen Kosten als auch die ökologischen Risiken unseren Kindern für die Zukunft mit auf den Weg geben.“ Hinkley Point C werde dadurch „das teuerste Gebäude der Welt“, wobei die Kosten für eine spätere Entsorgung des nuklearen Mülls noch gar nicht eingerechnet sind.

Einen ganz anderen Weg als der große Nachbar im Süden geht dagegen Schottland: Dort wurde am 24. März das letzte Kohlekraftwerk des Landes geschlossen. In Schottland ist in den letzten zwei Jahren der Anteil der Erneuerbaren im Strommix um 15 Prozent gestiegen, was auf die ambitionierten Ziele der lokalen Regierung zurück zu führen ist: Bis 2020 soll der Energiebedarf Schottlands komplett aus erneuerbaren Quellen gedeckt werden. Und man ist drauf und dran, dieses Ziel bereits vorzeitig zu erreichen: 2015 betrug der Anteil erneuerbarer Energien am schottischen Energiemix insgesamt bereits 57 Prozent.

Trotzdem müsste die schottische Bevölkerung – als Teil des Königreichs Großbritannien – das Atomkraftwerk in Somerset mitfinanzieren. Hier kann man nur von Irrsinn sprechen! Auch die Gesetzesänderungen bezüglich der Förderung von Wind- und Solaranlagen treffen die Schotten hart. Jenny Hogan vom Energieversorger Scottish Renewables sagte dazu: „Es gibt bei uns noch immer ein sehr großes Wachstumspotenzial (für Erneuerbare). Aber obwohl wir aktuell noch eine Pipeline mit vielen Projekten haben, droht die kürzlich erfolgte Gesetzesänderung, die Genehmigungsprozesse für Onshore-Windkraft zu verhindern. so werden wir das Ziel für 2020 verfehlen.“

Die Situation erinnert an Deutschland – unter umgekehrten Vorzeichen. Hier ist Bayern das Bundesland, was aus dem allgemeinen Konsens pro Erneuerbare ausschert. Bayern gilt als klassisches Atomstromland. Noch laufen im Freistaat drei AKW, die allerdings auch bis spätestens 2022 vom Netz gehen werden. Anstatt nun aber den Ausbau der Erneuerbaren zu fördern, hat die bayrische Regierung im Jahr 2014 die 10H-Regelung für Windkraft eingeführt, die dafür sorgt, dass faktisch kaum noch neue Anlagen gebaut werden können.

Wurden im Jahr 2013 noch 201 Anlagen genehmigt, sank die Zahl laut BWE im Jahr 2014 auf 187 und bis August 2015 auf 65 Anlagen. Bei der letzten Zahl handelt es sich aber noch um Genehmigungen nach altem Recht. Eine andere Zahl aus 2015 verdeutlicht dagegen bereits die dramatische Veränderung: Nicht eine einzige Anfrage für ein Windgutachten ist im letzten Kalenderjahr in Bayern registriert worden.

Grafik: BWE

Erste Windenergiefirmen wie Ostwind haben sich daher bereits aus ihrer Heimat verabschieden müssen. Andere im Freistaat ansässige Unternehmen verlegen ihre Aktivitäten und damit auch Arbeitsplätze ebenfalls in andere Bundesländer oder gleich ins Ausland.

Die bayrische Regierung setzt zukünftig laut eigenen Angaben dagegen vor allem auf Stromimporte. Gleichzeitig wehrt man sich aber auch mit Händen und Füßen gegen den Ausbau von Fernleitungen wie dem Nord-Süd-Link, der Windstrom aus Norddeutschland in den Süden transportieren soll. Ein Dilemma, für das bisher von der CSU-Regierung noch keine Lösung vorgelegt wurde. Wie Bayern sein festgelegtes Ziel für den Ausbau der Erneuerbaren erreichen will, bleibt also weiterhin offen. Mit Windstrom wird man es jedenfalls aktuell nicht erreichen, denn der Anteil lag im vergangenen Jahr nur bei 3,2 Prozent am gesamten Energiemix.

Damit unterscheidet sich Bayern dann wiederum nicht von Großbritannien: Auch hier wird man die gesteckten Ziele für 2020 verfehlen, wenn es so weiterläuft. James Court von der Renewable Energy Association: „Nach Außen hin scheint es so, dass die Regierung ihre Ziele für 2020 – 30 Prozent Erneuerbare – schaffen wird. Aber in der Realität sieht das anders aus: Weil wir es nicht schaffen werden, den Anteil der Erneuerbaren stark genug zu erhöhen und in den Heizungs- und Transportsektor zu übertragen, werden wir insgesamt die Ausbauziele klar und deutlich verfehlen.“

Autor:
Katrin Radtke
Email:
kr@windmesse.de
Windenergie Wiki:
Offshore, 10H-Regelung



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