2017-11-17
http://w3.windmesse.de/windenergie/pm/26427-diw-energiewende-stromnetz-interview

Interview mit Karten Neuhoff

"Es wird immer wichtiger, dass der Strom dann produziert wird, wenn er benötigt wird"

Bild: K. RadtkeBild: K. Radtke

Herr Neuhoff, das DIW Berlin hat ein Marktwertmodell entwickelt, das ausreichende Anreize für Investitionen in systemfreundliche Anlagen für erneuerbare Energien schaffen soll. Was genau ist dabei unter einer system freundlichen Anlage zu verstehen?

Eine systemfreund­liche Anlage ist eine Anlage, die tendenziell mehr Wind­ oder Sonnenstrom erzeugt, wenn er vom System auch benötigt wird. Zum Beispiel erzeugt ein systemfreund­liches Windrad einen größeren Anteil seines Stroms auch bei mittleren und geringeren Windgeschwindigkeiten. Bei hohen Windgeschwindigkeiten haben wir sehr viel Windstrom, da ist eine extra Megawattstunde Windenergie nicht so wertvoll. Bei geringeren Windgeschwindigkeiten wird insgesamt nicht so viel Windstrom erzeugt, und dann ist eine extra Megawattstunde aus einer systemfreundlichen Windenergieanlage sehr viel wertvoller.

Das heißt, eine Anlage, die den Strom dann produziert, wenn er gebraucht wird, kann bei geringerer Leistung kosteneffizienter sein?

Heute macht das noch keinen großen Unterschied, aber wenn wir uns die Ausbauziele für erneuerbare Energien anschauen, wird es immer wichtiger, dass dieser Strom zum größeren Teil dann produziert wird, wenn er benötigt wird. Deswegen wird es wichtiger, die Anlagen systemfreundlich auszulegen.

Gibt es aktuell keine ausreichenden Anreize für ProjektentwicklerInnen, in solche Anlagen zu investieren?

Nein. Viele der Eigenschaften von systemfreundlichen Anlagen werden erst in zehn bis 15 Jahren zu größeren Vorteilen führen, dann wenn der Anteil Erneuerbarer im Stromsystem wächst. Für ProjektentwicklerInnen ist das jedoch weit in der Zukunft, und da die Erlöse daraus noch unsicher sind, können sie diesem Vorteil bei der Entscheidung über die Auslegung einer Anlage nicht viel Gewicht beimessen. Zweitens sind im heutigen Strommarkt noch nicht alle Vorteile abgebildet, die eine systemfreundliche Anlage mit sich bringen kann. Auch das können ProjektentwicklerInnen heute nur schwer berücksichtigen. Deswegen haben sie aktuell starke Anreize, eine Anlage so auszulegen, dass die Gesamtstromproduktion maximiert wird und orientieren sich weniger daran, wann der Strom erzeugt wird.

Welche Vorteile bietet das von Ihnen vorgeschlagene Marktwertmodell?

Der Vorteil des Marktwertmodells ist, dass die systemfreundlichen Eigenschaften einer Anlage bereits bei der Investitionsentscheidung berücksichtigt werden können. Dazu simuliert die Regulierungsbehörde eine langfristige Perspektive des Stromsystems mit großen Anteilen erneuerbarer Energien. Darauf aufbauend kann für jeden Standort, für jede Technologie und für jede Ausgestaltung einer Anlage sehr einfach berechnet werden, was der Marktwertfaktor dieser Anlage in Zukunft sein wird. Wenn die ProjektentwicklerInnen ihre Angebote bei der Ausschreibung abgeben, dann wird das Angebot um den Marktwertfaktor korrigiert, sodass nicht nur die kostengünstigsten, sondern auch die systemfreundlichsten Angebote akzeptiert werden. So können ProjektentwicklerInnen systemfreundliche Anlagen bereits heute bauen, weil sie die langfristigen Vorteile der Anlage berücksichtigen können.

Wie groß schätzen Sie die Akzeptanz für das jetzt von Ihnen vorgeschlagene Marktwertmodell ein?

Alle Parteien der zurzeit diskutierten Jamaika­-Koalition möchten die klimapolitischen Ziele und damit auch die Ausbauziele für erneuerbare Energien erreichen. Dabei ist den Liberalen vielleicht eine marktgesteuerte Umsetzung besonders wichtig. Das Marktwertmodell ist hier eine hilfreiche Ergänzung der bisherigen gleitenden Marktprämie, um die besten Anreize für systemfreundliche Anlagen zu erreichen. Zugleich sind für andere Parteien die robusten Rahmenbedingungen für den weiteren Ausbau und eine kostengünstige Finanzierung ein wichtiges Kriterium. Auch das wird mit dem Marktwertmodell erreicht. Insofern hoffe ich, dass das Marktwertmodell eine Basis für die Weiterentwicklung der deutschen Energiepolitik darstellen kann.

Das Gespräch führte Erich Wittenberg.

Das vollständige Interview zum Anhören finden Sie auf www.diw.de/interview

Quelle:
DIW Berlin
Autor:
Pressestelle
Link:
www.diw.de
Keywords:
DIW, Energiewende, Stromnetz, Interview





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