2017-10-24
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Erst Buddeln, dann Bauen

Eigentlich soll Windenergie den Menschen eine saubere Zukunft bringen. Manchmal kommen dabei aber schmutzige Details aus der Vergangenheit zum Vorschein...

Auf einer Fläche von 60 Hektor wurden Ausgrabungen in England durchgeführt (Bild: ScottishPower Renewables)Auf einer Fläche von 60 Hektor wurden Ausgrabungen in England durchgeführt (Bild: ScottishPower Renewables)

Eine der größten archäologischen Ausgrabungen Europas in diesem Jahr hat eine reichhaltige Sammlung von Informationen über die Geschichte Suffolks an der englischen Ostküste aus römischer, angelsächsischer und mittelalterlicher Zeit zum Vorschein gebracht.

In Auftrag gegeben wurde das Projekt von ScottishPower Renewables, einem Energieversorger und Planer von Windparks. Der errichtet zur Zeit vor der englischen Ostküste mit East Anglia ONE einen der weltweit größten Offshore-Windparks, der später einmal 500.000 Haushalte mit sauberer Energie versorgen soll. Zum Bau gehört auch die Verlegung eines 37 Kilometer langen Kabels, das den Windpark mit dem nationalen Stromnetz verbinden wird.

Das Kabel, das in Bramford an eine Umrichterstation angeschlossen wird, soll als Erdkabel verlegt werden – und da in der Gegend schon häufiger archäologische Funde getätigt wurden, hat ScottishPower im Vorfeld archäologische Untersuchungen auf einem 60 Hektar großen Gebiet in Suffolk finanziert.

Bis zu 400 Archäologen waren seit Februar diesen Jahres an der Arbeit beteiligt. In Spitzenzeiten gruben rund 250 Mitarbeitern vor Ort nach Gegenständen, während 20 Mitgliedern des Metalldetektor-Clubs Ipswich und des Distrikts ebenfalls beteiligt waren. Die Ausgrabung hat unterdessen neue Erkenntnisse über frühere Siedlungen und Landnutzungsaktivitäten in der Region erbracht. Es wurden bisher Zeugnisse aus der Bronzezeit, Eisenzeit, Römerzeit, von den Angelsachsen und aus dem Mittelalter gefunden.

Neben Wohn- und Arbeitsstätten wurden auch Keramikfragmente, Werkzeuge, Münzen und andere interessante Stücke entdeckt. (Bild: ScottishPower Renewables)

Joanna Young, Stakeholder Managerin bei ScottishPower Renewables, kommentiert die Funde: „Hunderte von Archäologen und Metalldetektoren, die in Suffolk die Felder durchkämmen, sind nicht das Erste, was einem einfällt, wenn man sich einen Offshore-Windpark vorstellt – aber es zeigt die vielen Anstrengungen, die nötig sind, um ein großes Energieprojekt wie das unsere aufzubauen.“

Richard Newman, Leiter der Nachgrabung, bestätigt die Bedeutung der Arbeiten: "Es ist nicht oft der Fall, dass Archäologen Zugang zu einem solch riesigen Landkorridor erhalten, und das Projekt war faszinierend. Alle Funde werden nun weiter analysiert und detaillierte Berichte erstellt, aber es ist sicher, dass wir heute schon viel mehr über die Geschichte von Suffolk wissen als noch vor einem Jahr.“

Dabei sehen sich die Archäologen oft einem Dilemma ausgesetzt: Zwar werden die Ausgrabungsstätten unwiederbringlich zerstört, wenn Windparks gebaut oder Kabel vor Ort verlegt werden. Andererseits wären einige der Stätten gar nicht zugänglich gemacht worden, wenn sie heute nicht in den Fokus der Energiewirtschaft geraten würden.

„Natürlich blutet einem Archäologen in diesem Moment das Herz", erklärt Dr. Andreas Thiedmann vom Landesamt für Denkmalpflege Hessen in Marburg gegenüber dem Lauterbacher Anzeiger. „Denn hier soll ein 4500 Jahre altes Kulturdenkmal einer gewerblichen Anlage weichen.“ Deshalb wird auf dem 'Steinberg' in der Gemarkung Angersbach ein Hügelgrab von einem Archäologen-Team fachgerecht abgetragen und dokumentiert. Auf der Fläche wird im Anschluss ein Windpark mit fünf Anlagen errichtet. Finanziert werden die Ausgrabungen von HessenEnergie, dem späteren Betreiber des Windparks.

Was liegt im Boden unter der Windkraftanlage verborgen? (Bild: Katrin Radtke)

In Deutschland ist das Denkmalschutzamt für solche Arbeiten zuständig. Da dies Ländersache ist, existieren in Deutschland 16 verschiedene Denkmalschutzgesetze, die sich in verschiedenen Aspekten voneinander unterscheiden. Vielerorts gilt aber das sogenannte 'Verursacherprinzip', das besagt, dass die anfallenden Kosten archäologischer Arbeiten vom Verursacher der Bautätigkeiten getragen werden müssen, die ein Denkmal beschädigen oder zerstören, wie die Deutsche Gesellschaft für Ur- und Frühgeschichte (DGUF) erklärt.

So auch in Niedersachsen, wo im vergangenen Jahr im Vorfeld des Baus eines Windparks zwischen Lübberstedt und Hambergen ein Team von Archäologen tätig wurde. Bereits während des Genehmigungsverfahrens für den Windpark hatte laut Osterholzer Kreisblatt der Landkreis darauf aufmerksam gemacht, dass Aufzeichnungen über mögliche archäologische Funde in dem Gebiet vorliegen, sodass der Firma wpd onshore GmbH zur Auflage gemacht wurde, im Vorlauf der Bauarbeiten die Archäologen zum Zuge kommen zu lassen und deren Arbeit zu finanzieren.

Dabei werden in Deutschland solche Ausgrabungen immer seltener durchgeführt. Einerseits fehlt es dazu an finanziellen Mitteln, andererseits verfügen die Ämter über zu wenig personelle Kapazitäten. Immer mehr Bauvorhaben in immer schwerer zugänglichen Gebieten für die es immer weniger Spezialisten gibt. Ein Teufelskreis. Da muss im Vorfeld genau abgewogen werden, ob es sich wirklich lohnt, die Archäologen ins Feld zu schicken.

Dabei ist gerade der Aspekt des Lernens aus der Vergangenheit ein wichtiger. Denn auch die heutige moderne Windenergie basiert in ihren Ursprüngen auf den Windmühlen aus früheren Zeiten.

Autor:
Katrin Radtke
Email:
presse@windmesse.de
Keywords:
Windenergie, Archäologie, Ausgrabung, Denkmalschutz, Verursacherpronzip, wpd, ScottishRenewables
Windenergie Wiki:
Windpark, Offshore



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